Vorpremiere „Vision – aus dem Leben der Hildegard von Bingen“
23. September 2009
Rheintal-Kongress-Zentrum, Bingen am Rhein
Interview mit der Regisseurin Margarethe von Trotta nach der Vorpremiere
- Wie fühlen Sie sich hier in Bingen?
- Ich bin begeistert, wie der Film hier aufgenommen wurde. Das war ganz
wunderbar. Ich habe mich herzlich empfangen gefühlt, das hat natürlich etwas
mit Bingen zu tun. Ich habe den Film mittlerweile schon dreimal mit Publikum
gezeigt und die Reaktion war eigentlich immer ähnlich, nur hier ist ja der
Name noch etwas Besonderes.
- Sie sind im „Land der Hildegard“, gibt es eine Stätte, die Sie hier
- besonders inspiriert, wo Sie den Geist Hildegards besonders spüren?
- Es gibt nicht so viele erhaltene Stätten hier, leider auch nicht mehr den
Rupertsberg, aber den Disibodenberg mit seinen Ruinen. Doch von da ist
Hildegard ja weggezogen, also kann sie sich nicht so schrecklich wohl
gefühlt haben (lachend), aber da hat man schon noch ein bisschen das Gefühl,
etwas von der alten Zeit zu spüren. In Bingen ist es das Museum am Strom.
Bevor ich den Film machte, war ich dort, und ich finde, es ist sehr schön
aufbereitet, die ganzen Bilder aus ihren Visionen, das ist besonders
beeindruckend und da habe ich auch diese Wachstafel gesehen.
- Sie haben unglaublich viel Zeit mit der Recherche verbracht und beschäftigen
- sich seit den 80er Jahren mit Hildegard von Bingen, ist das richtig?
- Ja, das waren viele viele viele Tage! Ich war unter anderem im Kloster St.
Hildegard in Eibingen und habe mit Schwester Philippa Rath gesprochen und
mich mit ihr beraten. Sie hat mir gesagt, was ich lesen soll und was wichtig
ist. Sie hat mir besonders die Korrespondenz empfohlen – ihren Briefwechsel
– und da habe ich die Geschichte mit Barbarossa und mit Richardis gefunden,
wie sich Hildegard bemüht, sie zurückzuhalten. Sie hat an den Bruder
geschrieben, an ihre Mutter, den Bischof, Abt und an den Papst und immer
betont, dass sie diese Frau zurück haben will, das war unglaublich!
- In Ihrem Film wird sich öfters geküsst – auch auf den Mund, gibt es dafür
- verlässliche Quellen?
- Ja, da gibt es ein Buch, das mir eine alte Schulfreundin aus Köln empfohlen
hat, die sich viel mit Hildegard beschäftigte. Sie sagte, ich solle »Le
baiser sur la bouche en Moyen Age« lesen, also der Kuss auf den Mund im
Mittelalter, da wird beschrieben, dass sich beispielsweise auch der Kaiser
und der König mit seinen Vasallen auf den Mund küssten und zwar immer dann,
wenn sie Verträge unterschrieben haben. Das war viel üblicher als man denkt,
man meint immer, das waren so puritanische Menschen, das stimmt aber gar
nicht. Sie hatten einen ganz anderen Zugang zu ihrer Körperlichkeit. Ich
glaube die Abwehr kam erst nach der Pest, als man plötzlich Angst hatte,
sich zu berühren.
- Sie haben den Film in nur 35 Drehtagen realisiert! Wie schafft man das?
- Wenn man gut vorbereitet ist, gute Schauspieler, gute Drehorte und gute
Mitarbeiter hat, dann schafft man das!
- Weil die Zusammenarbeit mit dem Team so positiv war, dürfen wir einen
- zweiten Teil erwarten?
- Man muss jetzt erst mal sehen, wie der Film aufgenommen wird. Wenn er sehr
erfolgreich wird, dann kann man sich das ja mal überlegen. Aber ich finde,
die Menschen können ja auch nachlesen, ich sehe das immer als so etwas wie
eine kleine Aufforderung. Man kann ja in eineinhalb oder knappen zwei
Stunden nun nicht alles sagen. Aber man kann kleine Anregungen geben, nach
dem Motto: Schaut euch diese Frau an! Hildegard von Bingen ist eine
hochinteressante Frau, in vielen Dingen sehr moderne Frau und jetzt forscht
und beschäftigt euch weiter!
- Können Sie sich erinnern, was lief, als Sie das erste Mal in ihrem Leben im
- Kino waren?
- Ich weiß nur noch, dass es ein Film in schwarz-weiß war und da gab es eine
Nachtszene, in dem weiße Vorhänge wehten – ja das ist mein erstes
„Filmbild“, an das ich mich erinnern kann.