Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Erste Drucke

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Der mühsame, langwierige und damit auch kostenintensive Prozess der Anfertigung von Handschriften war der Grund dafür, dass Werke mittelalterlicher Autoren stets einem nur sehr kleinen Kreis zugänglich waren. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts brachte eine langsame aber stetige Veränderung dieser Situation mit sich. Bereits 1474 wurde Hildegards berühmter Brief an den Kölner Klerus gedruckt, in dem sie gegen die Katharer predigt. Ansonsten wurden Hildegards Werke vom frühen Buchdruck nicht berücksichtigt. Erst 1513 erfolgt der Erstdruck von Scivias durch den Humanisten Faber Stapulensis (1450 oder 1455-1536), der bei einem Besuch des Klosters Rupertsberg 1509 auf die dort aufbewahrten Manuskripte gestoßen war. Er interessierte sich besonders für Visionsliteratur und fasste Hildegards erstes Werk auf Grundlage der Niederschrift im Riesencodex mit fünf weiteren Visionsschriften anderer Autoren zusammen. Auch die Rupertsberger Nonnen hatten Interesse an einer Drucklegung der Schrift, denn der Wunsch nach einer formalen Heiligsprechung Hildegards kam zu dieser Zeit erneut auf und eine größere Verbreitung ihrer Werke, die eine Steigerung ihrer Bekanntheit bewirken würde, war dazu überaus förderlich.

Einen wichtigen Beitrag zur populären Verbreitung ihrer Verehrung bewirkten aber auch die Übersetzungen von Hildegards Vita, die mit 24 Holzschnitten illustriert wurde, sowie der von Hildegard verfassten Lebensbeschreibung des heiligen Ruperts ins Deutsche durch den Oppenheimer Stadtschreiber Jacob Köbel (ca. 1460-1533) im Jahr 1524. Eines der wenigen erhalten Exemplare wird heute in der Eibinger Abtei St. Hildegard aufbewahrt. Die natur- und heilkundlichen Texte, die Briefe (abgesehen von einigen Drucken einzelner Briefe) sowie Hildegards musikalisches Werk wurden hingegen kaum beachtet. Drucke dieser Werke setzen erst im fortgeschrittenen 16. Jahrhundert ein.

Hildegards Texte wurden im Laufe der Zeit immer wieder benutzt, um die unterschiedlichsten Ziele zu erreichen. So sahen sich im Bettelordenstreit beide Parteien durch ihre Prophezeiungen bestätigt und legitimiert. Andere Zitate und Namensnennungen standen im Zusammenhang mit Spekulationen über das baldige Kommens des Antichrists, für das Hildegard aber nie einen konkreten Zeitpunkt genannt hatte. Und noch weit bis in die Frühe Neuzeit hinein verwendete man Hildegard-Zitate, um Kritik an Papst und Kirche zu bekräftigen. Dies geschah besonders im Spannungsfeld zwischen Humanismus und Reformation, als Hildegards Kirchenkritik im Rahmen der zeitgenössischen Argumentation von Lutheranern wie Katholiken für die eigenen Zwecke instrumentalisiert wurde. Erst im 19. Jahrhundert verbreitete sich die Haltung, dass die Texte der Rupertsberger Äbtissin weniger als konkrete Zukunftsvoraussagen zu sehen waren, sondern als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen vielmehr Auskunft über Hildegards eigene Zeit und ihre Person geben konnten.