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Hildegard-Heilkunde unter der Lupe

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Hildegard-Heilkunde unter der Lupe

Betonia officinalis und die ‚Physica‘

Die Natur- und Heilkunde der Hildegard von Bingen ist heute sicher das populärste Werk der bedeutenden Äbtissin - die meisten Menschen bekommen den Zugang zu der Heiligen über die Beschäftigung mit die-sem Thema. Doch birgt der vertiefende Einstieg in die Materie manch unerwartete Überraschung. So führt der unvoreingenommene Blick in die ‚Physica‘, das medizinische Werk, in dem Hildegard von Bingen die Heilkräfte der verschiedenen Geschöpfe der Natur beschreibt, leicht zu Unverständnis und Irritation. Sätze wie „Die Bathenia … ist mehr warm als kalt. Mehr als andere Kräuter besitzt sie Eigenschaften, die auf menschliche Erkenntniskraft verweisen, so wie auch Haustiere mehr nach der Art der Menschen handeln als wilde Tiere“ bedürfen der Interpretation.

Mit diesen einleitenden Worten beschreibt die Äbtissin beispielsweise die Betonie oder den Heil-Ziest (Betonica officinalis), eine der bedeutendsten Heilpflanzen der Antike und des Mittelalters. Bereits in der Antike war die Betonie wegen ihrer besonderen Eigenschaften geschätzt. So schrieb Plinius, dass ein Haus, wo sie gepflanzt wird, gegen alle Gefahren für sicher gehalten wird. Der Leibarzt von Kaiser Augustus berichtete, dass die Pflanze den Körper und Geist des Menschen behütet, der sie bei sich trägt - insbesondere bei Nacht und in gefährlichen Gegenden.

Die Betonie genoss im Altertum hohes Ansehen als Allheilmittel. Diese Beliebtheit setzte sich im Mittelalter fort. Die Blätter des Krautes fanden als Tee, Sirup oder Destillat (‚Betonienwasser‘) gegen die unter-schiedlichsten Leiden wie Erkrankungen der Atemwege und Schleimhäute oder Leiden an Magen, Niere, Blase und Milz Anwendung. Auch zur Behandlung von Wunden war die Pflanze sehr geschätzt.

Gemäß der in der mittelalterlichen Heilkunde verbreiteten Signaturenlehre, bei der man aus dem Aussehen der Pflanze ihre Wirkung auf ähnlich aussehende Körperteile oder Krankheitsbilder ableitete, wies der eingeschnittene Blattrand auf die Eignung zur Wundheilung hin. Noch heute ist der Heil-Ziest eine wichtige Heilpflanze, er findet Anwendung gegen Asthma, Katarrhe der Atemwege und in der Wundheilung. Besondere Bedeutung hatte die Betonie schließlich in der Volksmythologie. Mit geräuchertem Ziest sollten Dämonen und Geister vertrieben werden. Um die bösen Kräfte auf Dauer fern zu halten, musste das Kraut unter der Türschwelle vergraben werden. Und selbst gegen Liebeskummer war dieses Kraut gewachsen: Unglücklich Verliebte sollten durch die Betonie von den Qualen der Liebe befreit werden. Ganz in diesem Sinne schreibt auch Hildegard von Bingen: „Wenn ein Mann von einer Frau oder eine Frau von einem Mann durch magische Kunst getäuscht oder von irgendeinem Sachzauber getroffen oder durch irgendwelche blendende und teuflische Zaubersprüche behext und gerufen wurde, so dass unter der Wirkung dieses Zaubers der Mann toll ist vor Liebe zu der Frau oder die Frau vor Liebe zu dem Mann, dann suche die betroffene Person eine Bathenia“. Es folgt eine ausführliche Schilderung der komplexen Anwendung. So verfahre die Person „immer wieder, bis es ihr besser geht. Auf diese Wiese wird sie durch Gottes Kraft von der Tollheit jener Liebe erlöst.“

Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass das natur- und heilkundliche Wissen der Hildegard von Bingen allem Anschein nach keinen visionären Ursprung hat, sondern dass es auf Erkenntnis, Erfahrung und Überlieferung beruht und sich somit grundlegend vom theologisch-kosmo-logischen Werk der Heiligen unterscheidet. Das Hildegard von Bingen zugeschriebene heilkundliche Werk ist vermutlich eine Zusammenstellung des Mitte des 12. Jahrhunderts vorhandenen Wissens auf diesem Gebiet. Erschwert wird die Auseinandersetzung mit dem natur- und heilkundlichen Werk der Äbtissin von Rupertsberg durch die Tatsache, dass dieser Teil des umfassenden Schaffens und Wirkens der berühmtesten Tochter der Region zugleich der ist, dessen Echtheit am wenigsten gesichert ist.

Wir wissen, dass Hildegard ein Werk zu Naturkunde und Medizin verfasst hat. Diese Handschrift ist jedoch verschollen. Die ältesten überlieferten Abschriften stammen erst aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Welche der darin enthaltenen Kapitel originär von Hildegard von Bingen stammen und was nachträglich abgeändert, ergänzt oder weggelassen wurde, ist nach wie vor ungeklärt. Es ist gewiss, dass bereits die umfangreichste und mutmaßlich älteste Überlieferung, die erst 1983 entdeckte Florentiner Handschrift, nicht mehr identisch ist mit der unbekannten Urfassung.

In noch stärkerem Maße gilt dies für die insgesamt zwölf weiteren (Teil-) Abschriften der ‚Physica‘ aus dem 14. bis 16. Jahrhundert: Alle beziehen sich auf Hildegard von Bingen, doch die Inhalte weichen zum Teil deutlich voneinander ab. Von Abschrift zu Abschrift wurde etwas ausgelassen, ergänzt oder umgeformt. Wir wissen heute nicht, welche Textteile dem Original entsprechen. Mit anderen Worten: Niemand kann sagen, wie viel ‘Hildegard’ wirklich in der längst kommerziell vermarkteten, so genannten ‘Hildegard-Medizin’ steckt.

So behalten die Geschöpfe der Natur auch heute, fast tausend Jahre nach der Entstehung der ‘Physica’, noch einen erheblichen Teil ihrer Geheimnisse für sich. Sätze wie „Die Bathenia […] bezeichnet in sich die Zeichen der Wissenschaft mehr als andere Kräuter.“ lassen Spielraum für Interpretationen. Und so führt auch die Handlungsempfehlung „Wer dumm oder einfältig ist, so dass der Verstand ihm mangelt, der zerstoße Betonienkraut zu Saft und lege es … abends auf seine ganze Brust … und er wird wieder zu Verstand kommen“ heute eher zum Schmunzeln als zur Weisheit.

Doch ob mit oder ohne Anwendung von Heil-Ziest bleibt die Erkenntnis, dass die ‚Physica‘ eines der be-deutendsten heilkundigen Werke des Mittelalters ist und die Beschäftigung mit ihr und ihrer prominenten Verfasserin trotz aller Schwierigkeiten ein gleichermaßen interessantes wie anspruchsvolles Unterfangen.

Die Betonie ist eine ebenso hübsche wie interessante Pflanze unserer ungedüngten Wiesen und erreicht Wuchshöhen von zumeist 30 bis 80 cm. Im Hildegarten beim Historischen Museum am Strom, Bingen, wird sie an prominenter Stelle präsentiert.

Text und Fotos: Thomas Merz, Weiler bei Bingen. Der Diplom-Biologe ist unter anderem zertifizierter Landschafts- und Naturführer für das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Homepage: www.viriditas.info oder Telefon 06721 / 4902637.