Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Rochuskapelle

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Treue in der Versuchung

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Treue in der Versuchung

Erläuterungen und Deutungen der Visionswelt Hildegards – Scivias Tafel 6

Hildegard spricht in ihrer Vision von einer Kugel, auf die viele Stürme eindringen. Der Künstler malt auf der Miniatur bereits die hinter den visionären Bildern stehende Wirklichkeit: den Menschen, der Anfechtungen ausgesetzt ist und um Gottes Hilfe fleht. Indem sich die Menschenseele ihrer Situation bewusst wird, wachsen in ihr Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis in gleichem Maße.

Der Mensch nimmt seinen irdischen Zustand als ein Fremdsein wahr, das von äußeren und inneren Versuchungen gekennzeichnet ist. Einerseits lauert der Teufel auf den Menschen, um sich seiner zu bemächtigen, was auf der Miniatur sehr anschaulich dargestellt wird: teuflische Gestalten zielen mit ihren Pfeilen auf den Menschen. Andererseits erfährt der Mensch seine Widersprüchlichkeit, indem die fleischliche Begierde ihn am guten Werk hindert.

Gott hat den Menschen als Leib-Seele-Einheit erschaffen, deswegen ist die Leiblichkeit des Menschen eine Gottesgabe. Infolge des Sündenfalls ist aber das harmonische Verhältnis zwischen Leib und Seele gebrochen, und der Mensch erlebt die Begierden des Leibes als Gefährdung. In dieser seiner geschöpflichen Existenz steht der Mensch am Scheideweg. Wenn er Gott gegenüber seine kreatürliche Abhängigkeit leugnet, wird er auf sich selbst zurückgeworfen. Herzenshärte, Traurigkeit, Zweifel und Verzweiflung markieren dann seinen Weg. In einem Aufschrei bekennt die Seele: „Die alte Schlange […] flößt mir den trotzigen Mut zum Sündigen ein, indem sie meine Erkenntnis von der Furcht des Herrn ablenkt, sodass ich mich nicht zu sündigen fürchte und sage: ´Wer ist denn Gott? Ich weiß nicht, wer Gott ist.´ In ihrer trügerischen List jedoch verleitet sie mich zur Verstocktheit, sodass ich im Bösen verhärte. Aber im tödlichen Gift der Bosheit nimmt sie mir die geistliche Freude, sodass ich mich weder am Menschen noch an Gott zu freuen vermag, wobei sie mich in den Zwiespalt der Verzweiflung führt, dass ich zweifle, ob ich gerettet werden kann oder nicht.“ (Scivias - Wisse die Wege, S. 67-68)

Der andere Weg, den der Mensch einschlagen kann, ist das treue Ausharren in aller Versuchung, die er in seiner gefallenen Natur erfährt. Der Schlüsselmoment ist die „Erinnerung“. Sie verbindet Gottesfurcht, Wahrheit und Demut: Der Mensch gedenkt dadurch seines Ursprungs in Gott und seiner Realität als gefal-lenes und erlöstes Geschöpf, und in dieser lebendigen Gottes- und Selbsterkenntnis weiß er sich dem Kampf zu stellen: „Aber wenn ich mich durch die Gnade Gottes daran erinnere, dass ich von Gott erschaffen bin, dann entgegne ich inmitten all diesen Bedrängnissen den teuflischen Einflüsterungen auf folgende Weise: ‚Ich werde der hinfälligen Erde nicht nachgeben, sondern sehr tapfer kämpfen‘.“ (Wisse die Wege, S. 68)

Mögen die Feinde mit ihren Pfeilen auf ihn zielen, mögen negative Regungen wie Zorn, Hass oder Stolz den Menschen bedrücken, er wird stehen bleiben können, wenn er im Aufblicken zu Gott seine Zuflucht nimmt. Solange der Mensch in allen Stürmen des Lebens noch zu Gott aufseufzen und ihn als Du anspre-chen

kann, bleibt ihm immer ein Schimmer der Hoffnung. Auf der linken oberen Ecke der Miniatur bricht gerade dieser Lichtstrahl in die sonst so bräunlich-dunkle Szene hinein: Gottes Hand.

Und Hildegard hört auch die Stimme Gottes, die dem tapfer kämpfenden Menschen seine Hilfe verheißt: „Wenn das Böse in dir aufsteigt, sodass du nicht weißt, wie du es abschütteln sollst, dann bist du von der Einwirkung meiner Gnade berührt. […] Dann rufe sogleich laut, bete, bekenne und weine, damit Gott dir zu

Hilfe eilt, das Böse von dir nimmt und dir Kräfte zum Guten gibt. […] Aber ich reiche [den Bußfertigen] die Hand und wandle ihnen diese Bitternis in Süßigkeit, sodass sie diese Buße, die sie unter großer Schwierigkeit begonnen haben, in Ruhe beenden.“ (Wisse die Wege, S. 83-84)

Text: Sr. Maura Zátonyi OSB, Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen

Bild: Benediktinerinenabtei St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen