Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Pfarrkirche Eibingen

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Tenxwind von Andernach

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„Das rühmliche Gerücht vom Ruf Eurer Heiligkeit hat sich eilends verbreitet. Wunderbare und staunenswerte Dinge sind uns zu Ohren gekommen. (…) Auch etwas anderes Ungewöhnliches über Euren Brauch kam uns zu Ohren, nämlich, dass Eure Jungfrauen an Festtagen beim Psalmengesang mit losen Haaren in der Kirche stehen. Als Schmuck tragen sie glänzendweiße Seidenschleier, die so lang sind, dass sie den Boden berühren; auch haben sie golddurchwirkte Kränze auf dem Haupt, (…). Dazu sollen ihre Finger mit goldenen Ringen geschmückt sein, (…). Außerdem – das scheint uns nicht weniger wundersam als dies alles – würden nur Frauen aus angesehenem und adligem Geschlecht in Eure Gemeinschaft aufgenommen, den Nichtadligen verwehrt Ihr weiterhin die Aufnahme bei euch. Darüber sind wir sehr bestürzt und von der Ungewissheit großen Zweifels verunsichert, wenn wir schweigend im Geiste erwägen, dass der Herr in der Urkirche bescheidene und arme Fischer erwählt hat (…).“

Diese tadelnden Worte richtete Tenxwind von Andernach zwischen 1148 und 1152 an Hildegard von Bingen. Sie selbst leitete ein Kanonissenstift in Andernach und vertrat ein strenges Armutsideal. Anders als Hildegard entstammte Tenxwind nicht einem alten Adelsgeschlecht, sondern einer erst jüngst in den Dienstadel aufgestiegenen Familie (Ministerialität). Weiter schreibt Tenxwind, Hildegard solle ihr mitteilen, „welche Autorität diesen klösterlichen Brauch rechtfertigt“ - wohl wissend, dass eine solche nicht existiert. Im Grunde geht es in dem Brief nicht nur um Hildegards Kloster im Speziellen, sondern hier offenbaren sich auch die unterschiedlichen Auffassungen vom geistlichen Leben bei den „alten“ Benediktinern und den neuen Reformorden des 11. und 12. Jahrhunderts. Da Briefe im Mittelalter in der Regel ein öffentliches Kommunikationsmittel waren, kam ihr Angriff auf die Rupertsberger Äbtissin vielen Menschen zu Gehör und war somit kein schlechtes „Werbemittel“. Hildegard auf der anderen Seite hatte ähnlich strenge Ansichten über die Askese von Nonnen während ihrer Zeit bei Jutta von Sponheim selbst miterlebt und sich bewusst dagegen entschieden. Wie für alle Mitglieder des benediktinischen Ordens war die vom hl. Benedikt aufgestellte Regel auch für Hildegard Richtschnur ihres Handelns.

In einer von ihr verfassten Auslegung dieser Regel erläutert die Rupertsberger Äbtissin ihre Haltung, wonach alles, was dort nicht ausdrücklich verboten wurde, erlaubt und das rechte Maß der ausschlaggebende Punkt sei. Auf Tenxwinds Kritik reagiert Hildegard als Prophetin und verzichtet auf Rechtfertigungen sowie jegliche persönlichen Worte:

„Der lebendige Quell spricht: (…) Die Jungfrauen sind im Heiligen Geist der Frömmigkeit und im Morgenrot der Jungfräulichkeit vermählt. (…) Deshalb steht es der Jungfrau um der Freiheit und der Offenbarung im mystischen Hauch des Fingers Gottes willen gut an, ein glänzend weißes Gewand anzulegen, als deutlichen Hinweis auf die Vermählung mit Christus.“.

Der Brauch soll die geschmückten Jungfrauen also als Bräute Christi darstellen. Auch zu den ausschließlich adligen Nonnen äußert sie sich:

„Und welcher Mensch sammelt seine ganze Herde in einem einzigen Stall, nämlich Ochsen, Esel, Schafe, Böcke, ohne dass sie aneinandergeraten? Daher gebe es auch einen Unterschied, dass nicht verschiedene Menschen zu einer Herde vereint, durch stolze Überheblichkeit und durch entehrenden Unterschied auseinandergesprengt werden.“

In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von den Haltungen ihrer Zeit und den Äußerungen von Autoritäten wie Paulus oder Benedikt. Von einigen Historikern wird vermutet, dass Hildegard ihrem Kloster im Wettbewerb der vielen Neugründungen dieser Zeit eine exponierte Stellung verschaffen wollte. Und sie hatte Erfolg: Ihr Ruf litt durch Tenxwinds Brief keinen ernsthaften Schaden, im Gegenteil immer mehr Menschen wandten sich ratsuchend an sie: Aus dem gesamten Reich und weit darüber hinaus

„strömten von allen Seiten Menschenscharen beiderlei Geschlechts zu ihr, denen sie durch Gottes Gnade unermüdlich für jede Lebensweise passende Ermahnungen erteilte“.