Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

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Frauenbilder

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Das Bild der Frau war lange geprägt durch die Vorstellungen antiker Philosophen über das weibliche Geschlecht: Aristoteles, der im Mittelalter überaus geschätzt wurde, und dessen Schriften sich auf viele Bereiche auswirkten, kam hierbei eine besondere Rolle zu. Er sah die Frau als „unfertigen Mann“ an, die wie Kinder oder Barbaren (also Nichtgriechen) nicht zur Tugend des Denkens befähigt sei. Mit dieser Haltung verbanden sich die Ansichten der mittelalterlichen Theologie, die maßgeblich die rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung der Frau beeinflussten. Als Grundlage diente den Theologen die Bibel, die allerdings kein einheitliches Frauenbild widerspiegelt. Dies zeigt sich bereits in der Genesis, wo im ersten Schöpfungsbericht die Erschaffung von Frau und Mann nach dem Abbild Gottes geschildert wird, im zweiten die Erschaffung der Frau aus der entbehrlichen Rippe des Mannes. Im Neuen Testament unterscheiden sich die Berichte ebenfalls stark voneinander. Während Jesus kein Geschlecht dem anderen vorzieht, zeichnet der Apostel Paulus ein tendenziell abwertendes Frauenbild, das das kirchliche Denken über Jahrhunderte prägte: „Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib berühre“ (1. Korinther 7,1) oder 1. Korinther 11,9: „Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen“. Dieses negative Bild war zusammen mit der Eva zugeschriebenen Rolle als diejenige, die zuerst der Versuchung des Teufels erlegen war, und daraufhin Adam zur Sünde verführte, lange Zeit vorherrschend in der christlichen Theologie und wertete die Frau in moralischer und intellektueller Hinsicht ab. Hugo von St. Viktor, einer der einflussreichsten Theologen des 12. Jahrhunderts schrieb dementsprechend über die Ehe:

„Gott hat Frau und Mann geschaffen und vom Mann die Frau: Und weil sie aus jenem gemacht ist, ist sie jenem untergeordnet. Jenem ist gegeben, dass er an Intelligenz und Körperkräften überlegen ist: Für diese (Frau) ist es so eingerichtet, dass sie nicht allein aus Gehorsam, sondern von Natur aus untergeordnet ist. Es wollte also Gott, dass diese bei jenem Stärke, Fürsorge und Ruhe fände und dass ihre Schwäche bei jenem Liebe wecke, so dass der Mann die Frau gewissermaßen aus Güte liebt, die Frau den Mann aus Notwendigkeit“.

Es existierten aber nicht nur negative Frauenbilder: V.a. ab dem 12. Jahrhundert begann die Marienfrömmigkeit eine immer bedeutendere Rolle einzunehmen. Die reine, „unbefleckte“ und tugendhafte Maria wurde zum idealisierten Gegenstück Evas. Auch in den Schriften Hildegards von Bingen nimmt Maria eine besondere Stellung ein: Für Hildegard war die Geburt von Gottes Sohn als Mensch und damit die Rolle Marias schon seit jeher von Gott vorgesehen gewesen und nicht eine Folge des Sündenfalls. Sie huldigt der Gottesmutter in 16 Mariengesängen, in denen sie Maria als Heilsbringerin (salvatrix) und Antitypus gegenüber Eva beschreibt. Durch Maria sei die Schuld Evas, die auch sie als den Grund für die Schwäche der Frau betrachtet, gesühnt und sogar größerer Segen über die Menschheit gebracht worden, als Eva ihr geschadet habe: „Und daher liegt vor der gesamten Schöpfung der höchste Segen in der weiblichen Gestalt“. In der Personifizierung der Tugenden als junge Frauen und der Kirche als gebärende Mutter der Gläubigen begegnen uns weitere Bilder von Weiblichkeit in Hildegards Werk. Die höfische Lyrik und Epik entwickelte eine eigene Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander und ein sittlich-ethisch überhöhtes Frauenbild, das sich bewusst von dem sexualfeindlich-asketischen der Kirche abwandte. Die Frau wurde idealisiert und in ihrem tugendhaften Wesen dem Mann gegenüber als überlegen betrachtet; durch sie sei er zu mutigen ritterlichen Taten inspiriert worden. Doch in der hohen Minne bleibt die verehrte – meist verheiratete – Frau unerreichbar. Die Vermutung, dass sich die Realität deutlich von diesen Idealvorstellungen unterschieden hatte, liegt aber nahe. Die soziale und rechtliche Vorrangstellung des Mannes blieb ohnehin unangetastet.

Die weit verbreitete Vorstellung, dass Frauen im Mittelalter gezielt als Hexen verfolgt, gefoltert und verbrannt worden seien, ist übrigens ein Bild erst der Moderne. Der Begriff „Hexe“ tauchte erst an der Wende zum 15. Jahrhundert auf. Zwar glaubten auch die Menschen in Hildegards Zeit an die Existenz von magisch begabten Frauen und Männern, doch kam es erst in der Frühen Neuzeit (besonders zwischen 1550 und 1650) zur systematischen Verfolgung und zu den zahlreichen Hexenverbrennungen.