Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Historisches Museum am Strom Hildegard von Bingen

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Jungfräulichkeit

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Das Ideal der Jungfräulichkeit hatte im Mittelalter – und ganz besonders auch in den Schriften Hildegards von Bingen – eine herausragende Bedeutung und wurde höher als der Ehestand angesehen. Diese Einschätzung ist mit dem Gleichnis des Sämanns aus Markus 4,1-20 und Matthäus 13,1-23 verbunden. In dessen mittelalterlichen Deutung wurde die im Gleichnis geschilderte Ernte der 30-fachen, 60-fachen und 100-fachen Frucht auf das Leben als Ehefrau, Witwe und Jungfrau bezogen. Im speculum virginum (Jungfrauenspiegel), das etwa um 1140 von einem unbekannten Autor verfasst wurde, wurden in Form eines Lehrgesprächs zwischen einem geistlichen Lehrer und einer Jungfrau Fragen des Lebens als Jungfrau und der wahren Christusnachfolge erörtert. Dabei fußten die Antworten des Lehrers v.a. auf 1. Korinther 7,34, wonach nur Jungfrauen wirklich frei seien, sich nach dem Vorbild Marias ganz Gott zu widmen. Der Jungfrauenspiegel hatte die theologische Begründung und historische Herleitung einer monastischen Lebensweise von Frauen zum Ziel. Mit dem Verständnis der Jungfräulichkeit als religiös-sittlicher Tugend, die der Frau Würde, Freiheit und Selbstständigkeit verlieh, gab sie ihr auch einen Rang in Gesellschaft und Kirche.

Hildegard beschreibt die personifizierte Jungfräulichkeit in ihrem Werk Scivias (5. Vision des 2. Teils) als schöne mädchenhafte Gestalt, die sich umgeben von den Tugendkräften auf dem Weg zur Vollkommenheit in tugendhaften Werken befindet. Ein jungfräuliches Leben stellte für Hildegard den bestmöglichen Weg dar, Christus nachzufolgen. Sie schrieb aber nicht nur darüber, sondern integrierte ihr visionäres Bild des mit Edelsteinen und Gold geschmückten Standes der keusch lebenden Menschen in die Liturgie ihres Klosters. Davon erfahren wir in einem kritischen Brief der Magistra Tenxwind von Andernach an Hildegard. Sie berichtet davon, dass die Nonnen auf dem Rupertsberg bei festlichen Anlässen offenes Haar, Schleier, Goldkränze und ins Haar eingeflochtene Kreuze sowie das Bildnis eines Lammes tragen würden, wenn sie die Psalmen singen. Hildegard wies den Vorwurf der Prunksucht mit dem Hinweis zurück, dass das offene mit dem Schleier bedeckte Haar ein Zeichen für die jungfräuliche Vermählung mit Christus sei. Das Lamm stehe für das Streben ohne Übermut und Stolz die Milde des Gottessohnes nachzuahmen. Damit stellt sie die Nonnen symbolisch als Bräute Christi dar. Sie stehen für Hildegard über allen anderen gesellschaftliche Gruppen und gewinnen durch ihren Verzicht auf eine irdische Ehe eine Freiheit für den Dienst Gottes, die es ihnen erlaube, sich überall mit Rat und Tat einzuschalten, wenn es erforderlich erscheine. Dass auch Hildegard selbst danach handelte, zeigen am deutlichsten ihre Predigtreisen.