Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Reformbewegung und neue Orden

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Die Wurzeln der Reformbewegungen zu Hildegards Zeit liegen im 10. und 11. Jahrhundert in Cluny (Burgund), Hirsau (Schwarzwald) und Gorze (Lothringen). Missstände innerhalb des Klerus, wie die Priesterehe (Nikolaitismus) und der Kauf kirchlicher Ämter (Simonie), sollten ausgeräumt werden und die Besinnung auf die Benediktregel sowie die Rückkehr zur vita apostolica – einem Leben wie es die Jünger Jesu geführt hatten – wurde gefordert. Dazu musste die Kirche auch aus den weltlichen Machtstrukturen gelöst werden. Die Reform führte zu einer Belebung der religiösen Spiritualität im 12. Jahrhundert und in der Forschung schätzt man, dass sich die Zahl der Klöster zwischen 1050 und 1150 verzehnfachte. Auch die Vielfalt der religiösen Lebensformen nahm zu – bis Ende des 11. Jahrhunderts unterschied man lediglich zwei Gruppen von Menschen, die in religiösen Gemeinschaften zusammenlebten: Mönche und Nonnen, die ein Leben nach der Benediktregel führten und Kanoniker und Kanonissen, die sich nach den Bestimmungen des Aachener Konzils von 816 richteten.

1098 wurde in Cîteaux das Novum Monasterium gegründet, und die 1119 als Orden anerkannten Zisterzienser traten als erster neuartig strukturierter Verband zu den alten Gemeinschaften. In Anbetracht der Prachtentfaltung reicher Klöster und der Überbetonung der Liturgie, wie im nahen Cluny und den cluniazensisch reformierten Klöstern, wollten die Zisterzienser die Regel des heiligen Benedikts wieder wörtlich befolgen, bescheiden leben und ihren Unterhalt selbst erarbeiten. Durch die Ausübung körperlicher Arbeit wurden sie bald zu Spezialisten in den Bereichen Obst- und Weinbau, Viehzucht sowie der Bewirtschaftung von Land. 1113 trat Bernhard, der spätere Abt von Clairvaux in das Kloster Cîteaux ein. Mit ihm setzte die Blüte und Ausbreitung des Ordens in ganz Europa ein. Als Bernhard 1153 starb, bestanden etwa 350 Zisterzienserklöster, die viele ihrer Ideale aber nach einiger Zeit praktischen Erfordernissen (der großen Anzahl neuer Mitglieder sowie große Anbauflächen) opferten.

Auch die regulierten Chorherren bzw. Regularkanoniker, die nun neben den nach der Aachener Regel orientierten Kanonikern existierten, die sich weiterhin nach der Aachener Regel richteten, wandten sich nach der Gregorianischen Reform des 11. Jahrhunderts der vita apostolica zu. Zu den bedeutendsten Orden der Regularkanoniker zählen die Prämonstratenser und die Augustiner-Chorherren. Aufgrund verschiedener Auffassungen über die maßgeblichen Texte der Augustinusregel spaltete sich die Reformbewegung: Die Anhänger des ordo antiquus (z.B. Rottenbuch, Saint-Ruf) verzichteten auf privaten Besitz, lebten aber nicht so streng asketisch wie die Anhänger des ordo novus (z.B. Premontré, Saint-Victor/Paris, Springiersbach). Es blieb nicht aus, dass sich eine Konkurrenzsituation zwischen monastischer und kanonischer Seite, aber auch zwischen den einzelnen Orden entwickelte. In der Forschung wird diese Situation heute weniger als Krise, sondern auch als Ausdruck einer überaus lebendigen und vielfältigen vita religiosa betrachtet.