Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

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Hildegard als Kräuterfrau: Populär und Problematisch

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Titel des Erstdrucks der „Physica“ Hildegards von Bingen aus dem Jahr 1533 (Bingen, Museum am Strom) [Quelle: S. 2 Hildegarten-Broschüre]

Erstdruck der »Physica«, 1533 (Museum am Strom)

Die Natur- und Heilkunde Hildegards von Bingen ist heute sicher das populärste Werk der bedeutenden Äbtissin. Leider ist es jedoch auch dasjenige, dessen Echtheit am wenigsten gesichert ist. Mit anderen Worten: Niemand kann sagen, wie viel „Hildegard“ wirklich in der längst kommerziell vermarkteten, so genannten „Hildegard-Medizin“ steckt.

Zwar wissen wir, dass Hildegard zwischen 1151 und 1158 ein (oder doch zwei, wie es die spätere Überlieferung nahe legt?) Werk(e) zu Naturkunde und Medizin verfasst hat – überliefert ist eine solche Schrift aus ihrer Zeit, dem 12. Jahrhundert, jedoch nicht. Wohl erst über hundert Jahre nach ihrem Tod ist die bis heute bekannte älteste und umfangreichste Abschrift („Florentiner Handschrift“) entstanden, die unter dem Namen „Physica“ in neun Büchern das Natur- und Heilwissen Hildegards überliefert. Es ist gewiss, dass bereits dieser Text nicht mehr ganz identisch ist mit der unbekannten „Urfassung“. In noch stärkerem Maße gilt dies für die insgesamt elf weiteren (Teil-)Abschriften der „Physica“ aus dem 14. und 15. Jahrhundert und den prachtvollen Erstdruck des Werkes von 1533, der im Original im Museum am Strom zu bewundern ist. Alle diese Textzeugen beziehen sich auf Hildegard von Bingen, doch die Inhalte weichen zum Teil deutlich voneinander ab. Offensichtlich haben Verfälschungen, wie sie sich bei Abschriften (von Abschriften von Abschriften?…) eines Textes über mehrere Jahrhunderte nun einmal ergeben, also unseren Blick auf das nicht überlieferte „Hildegard-Original“ verstellt. Kein Wunder, denn das naturkundliche Werk Hildegards, das auf visionären Duktus in der Darstellung gänzlich verzichtet, war offenbar schon von der Autorin selbst als reiner „Gebrauchstext“ eingestuft und gegen Ende ihres Lebens nicht in die große „Werksausgabe letzter Hand“ („Wiesbadener Riesenkodex“) aufgenommen worden. Umso weniger wird das Buch daher späteren Kopisten als unantastbare Offenbarungsschrift erschienen sein; man passte den Text daher – wie bei Rezeptsammlungen üblich - in der eigenen Abschrift gewandelten Bedürfnissen und Anforderungen an.

Dass sich daraus große Probleme für die Rekonstruktion des Originaltextes ergeben, liegt auf der Hand: So fällt etwa das wichtige Kapitel „Über den Weinstock“ in jeder der sechs ältesten vollständigen Fassungen der „Physica“ unterschiedlich aus. Zwar führen alle eine heilsame Wirkung des Weines bei Zahnfleischfäulnis auf, aber nur vier Handschriften empfehlen den Rebensaft z.B. bei Augenbeschwerden – und einzig der älteste und sicher beste Textzeuge („Florentiner Handschrift“) möchte auch eine erkrankte Harnblase mit Glühwein behandelt wissen. Zu den Textproblemen muss auch die Tatsache gezählt werden, dass bei einigen der von Hildegard genannten Pflanzen eine exakte Identifikation heute kaum mehr möglich ist. Besonders gut lässt sich dies am Beispiel einer Pflanze aufzeigen, die Hildegard als Heilmittel gegen Brustschmerzen und Verdauungsstörungen empfiehlt und „Sunnewerbel“ nennt. Im Mittelalter wurde diese Bezeichnung für die Wegwarte, das Sonnenröschen und den Löwenzahn verwendet – drei Arten, die ihre Blüten bzw. Blütenköpfe nur im Sonnenlicht voll entfalten. Da Hildegard neben dem Namen niemals weitere Erkennungsmerkmale der von ihr behandelten Pflanzen liefert, könnte jede der drei gemeint sein. Berücksichtigt man schließlich noch die nicht immer ganz unproblematischen Kommentare zu giftigen Pflanzen und das Fehlen übertragbarer Dosierungsangaben in den unter Hildegards Namen überlieferten Texten, so kann heute vor einer kritiklosen und unsachverständigen Anwendung so genannter „Hildegard-Kräuter“ nur gewarnt werden!

Der Quellenbrunnen im Hildegarten des Museums am Strom weist auf die Überlieferungsprobleme zu Hildegards Naturkunde hin [Quelle: S. 16 Hildegarten-Broschüre]

»Quellenbrunnen« im Hildegarten des Museums am Strom

Dennoch offenbart uns die “Physica“ ein faszinierendes und auch für unsere Gegenwart bedeutsames Welt- und Menschenbild. Denn die Pflanzen- und Heilkunde Hildegards ist stets eingebunden in das theologische Konzept, wie sie es in ihren visionären Hauptwerken in faszinierender Geschlossenheit entwickelt: Alle Erscheinungsformen der Natur und damit auch die Pflanzen und Menschen stehen als Teil des göttlich begründeten und geordneten Weltganzen in enger Beziehung zueinander. Ein zentraler Begriff dieser Kosmologie ist die „Grünkraft“ (viriditas). Das Grün der Blätter symbolisiert für Hildegard jenes göttliche Prinzip, das allem irdischen Leben die Kraft zum Gedeihen verleiht - das lebendige Band zwischen Schöpfer und Schöpfung. So überträgt sich auf den Menschen auch die heilsame Lebenskraft von Pflanzen, wenn „ihr Grün nützlich und lieblich ist“. Heilkunde und Heilslehre sind bei Hildegard also untrennbar miteinander verbunden. Daher kann Krankheitsheilung auch niemals rein „naturwissenschaftlich“ nur durch die Wirkungen von Kräutern beschrieben werden. Gesundheit ist vielmehr immer auch die Folge eines gottgefälligen Lebens im Einklang mit der ganzen Schöpfung. Und letztlich liegt die Genesung aus schwerer Krankheit alleine in der Hand Gottes.

Die moderne pflanzenheilkundliche Praxis hat darüber hinaus die heilende Kraft vieler von Hildegard beschriebener Kräuter bestätigt: Schafgarbe und Beinwellkraut z.B., deren „besondere und subtile Kräfte bei Verletzungen“ Hildegard rühmt, werden noch immer als Wundheilungsmittel geschätzt. Auch ihr Erkältungstee aus vitaminreichen Hagebutten gehört zum Repertoire unserer Hausapotheke. Dass Wolfsmilchskraut „den Menschen brennt“ war ebenfalls schon Hildegard bekannt – der Pflanzensaft enthält Wirkstoffe, die Hautreizungen verursachen. Selbst die empfohlene Anwendung zur Vertreibung übler Säfte aus dem menschlichen Körper erscheint wie eine auf die Vorstellungswelt der Säftelehre (Humoralpathologie) übertragene Beschreibung der realen Abführwirkung der Pflanze. Erstaunlicherweise ist ein therapeutischer Nutzen des scheinbar nur aufgrund seines Aussehens mit Bronchialerkrankungen in Verbindung gebrachten Lungenkrauts nachzuweisen: Die in der Pflanze enthaltene Kieselsäure und Schleimstoffe können das Abhusten von zähem Schleim erleichtern.

Es ist anzunehmen, dass Hildegard die Wirkungen dieser und anderer Pflanzen vor allem aufgrund eigener Wahrnehmung und jahrelanger Erfahrung in der klösterlichen Krankenpflege kannte. Selbstverständlich verweist die heilkundige Äbtissin zur Erklärung ihrer symptomatischen Beobachtungen nicht auf die uns heute erst bekannten naturwissenschaftlichen Zusammenhänge. Die Ursachen des Heilungsprozesses werden im Rahmen ihrer Vorstellungen von göttlichem Wirken und innerweltlichen Wirkprinzipien beschrieben.

Wer mehr über die Natur- und Heilkunde Hildegards erfahren möchte und „Hildegard-Pflanzen“ einmal mit allen Sinnen erleben will, dem stehen – je nach Jahreszeit – zwei sehenswerte Gärten in der Hildegard-Stadt Bingen offen:
 
Der didaktisch angelegte, moderne Hildegarten des Museums am Strom zeigt nicht nur zahlreiche der von Hildegard beschriebenen Kräuter, sondern lässt die große Äbtissin auf Text- und Bildtafeln auch selbst zu Wort kommen und erklärt ihre Heilanwendungen in geschichtlichen Zusammenhängen.
Anders ist der Kräutergarten am Hildegard-Forum der Kreuzschwestern konzipiert, der nach benediktinischem Vorbild gestaltet wurde und Pflanzen der Physica getrennt nach einheimischen und ursprünglich mittelmeerischen Gewächsen präsentiert. Am Hildegard-Forum steht nicht – wie am Museum - der historisch-kritische Blick auf die Hildegard-Pflanzen im Vordergrund, sondern eher ihr praktischer Einsatz für die eigene Lebensführung.