Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

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Das Lebendige Licht

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„Ich, das lebende Licht, das die Dunkelheit erleuchtet, habe den von mir erwählten Menschen herausgeholt und unter große Wunder versetzt, wie es mir gut erschien. Sie übertreffen alles, was die alten Seher in mir an Geheimnissen schauen durften“.

Das obige Zitat stammt aus dem Vorwort zu ihrem ersten visionären Werk Scivias und zeugt von dem hohen Anspruch, der in diesen Schauen enthalten war: Der dreifaltige Gott, das Lebendige Licht, sprach durch sie und offenbarte ihr mehr als den Propheten aus dem Alten und Neuen Testament. Manchmal beschreibt sie sich in dieser Rolle als „Posaune Gottes“ oder vergleicht sich mit einer Feder, wie in einem Brief an Wibert von Gembloux:

„Doch ich strecke meine Hände nach Gott aus, um wie eine Feder, die ohne Schwerkraft im Wind treibt, von ihm getragen zu werden“.

Wie sie ihre Visionen erlebte und was ihr darin mitgeteilt wurde, erläutert Hildegard im schon erwähnten Vorwort des Scivias:

„Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand; es verbrannte nicht, war aber heiß, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Und plötzlich erhielt ich Einsicht in die Schriftauslegung, in den Psalter, die Evangelien und die übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testaments. Doch ich erhielt keine Kenntnis vom wörtlichen Sinn ihrer Texte, noch über die Silbentrennung, die grammatischen Fälle und Zeiten“.

In dem Brief an Wibert beschreibt sie dieses Licht noch genauer:

„Das Licht, das ich sehe, ist nicht räumlich, sondern viel strahlender als eine Wolke, die die Sonne trägt und ich vermag seine Höhe, Länge und Breite nicht zu ermessen. Und es wird mir als Schatten des Lebendigen Lichts bezeichnet. Und wie Sonne, Mond und Sterne im Wasser erscheinen, so strahlen Schriften, Worte, Tugenden und manche Werke der Menschen – in ihm dargestellt – für mich wieder“. Dieses Licht sei in ihr immer anwesend und sie sehe in ihm die Antworten auf die Fragen, die ihr von den Menschen gestellt werden. „Und in demselben Licht erblicke ich zuweilen – nicht oft – ein anderes Licht, das mir als Lebendiges Licht bezeichnet wird. Allerdings bin ich noch viel weniger imstande, auszusagen, wie ich es sehe, als beim vorhergehenden, und doch wird mitunter, während ich es schaue, alle Traurigkeit und aller Schmerz aus meiner Erinnerung genommen, so dass ich mich wie ein einfaches Mädchen verhalte und nicht wie eine ältere Frau“.

Sich selbst bezeichnete Hildegard stets als Ungebildete, als indocta, was zum einen als Demutsgestus gedeutet werden kann, zum anderen aber auch jeden Zweifel an dem Ursprung ihres Wissens ausräumen soll:

„Und ich sprach und schrieb nichts aus eigener Erfindung oder irgendeines Menschen, sondern wie ich es in himmlischer Eingebung sah und hörte und durch die verborgenen Geheimnisse Gottes empfing.“.

Tatsächlich hatte sie nie die septem artes liberales – die Sieben Freien Künste –studiert und damit keine klassische Schulbildung vorzuweisen, doch ihre Lehrer, Jutta von Sponheim und der Mönch Volmar, sowie ihre Korrespondenz mit gelehrten Gesprächspartnern hatten ihr ein breit gefächertes Wissen vermittelt, das sie durch ihre eigenen Studien der Bibel, der Kirchenväter und sicherlich noch weiteren Werken ergänzte.

Ein anderer Punkt, den Hildegard immer wieder betonte, ist die Art, wie sie die Visionen wahrnahm:

„Die Gesichte aber, die ich sah, empfing ich nicht im Traum, nicht im Schlaf oder in Geistesverwirrung, nicht durch die leiblichen Augen oder die äußeren menschlichen Ohren, auch nicht an abgelegenen Orten, sondern ich erhielt sie in wachem Zustand, bei klarem Verstand, durch die Augen und Ohren des inneren Menschen, an zugänglichen Orten, wie Gott es wollte“.

Ihre Visionen kamen von Gott, niemand sollte denken, sie sei Trugbildern des Teufels zum Opfer gefallen, die - wie man glaubte - Menschen mit schwachem Verstand im Schlaf oder in der Abgeschiedenheit überfielen. Die Bedeutung ihrer Visionen macht die Prophetin am Ende des Scivias nochmals mit aller Entschiedenheit deutlich:

„Wer aber diese Worte des Fingers Gottes ohne guten Grund verbirgt, sie wütend verkürzt oder sie wegen einer menschlichen Empfindung an einem unbekannten Ort beiseite schafft und so nicht ernst nimmt, der sei verworfen. Und der Finger Gottes wird ihn zermalmen“.